Im Lukas-Evangelium wird uns in ergreifenden Worten geschildert die Auferweckung des Jünglings zu Nain. In jedem Falle der Auferstehung eines alten Kulturzeitraums in einem künftigen, muß der Christus eine bestimmte Persönlichkeit, eine menschliche Seele, auferwecken, die durch ihr Schicksal dazu berufen ist, der spezielle Träger dieses Kulturkeimes aus alter Zeit zu sein, und die zugleich diejenige Seele ist, welche dafür zu sorgen hat, daß das, was der Christus der Menschheit als Gaben gebracht hat, auch weiter fortgeführt wird. In dem Jüngling zu Nain lebte das ganze dritte nachatlantische Zeitalter, die ägyptisch-chaldäische Kultur, er ist kein anderer als der Jüngling zu Sais (siehe: Jüngling zu Sais). Wissen wollte der Jüngling zu Sais unvorbereitet von den Geheimnissen der geistigen Welt; er wollte werden wie die anderen Eingeweihten ein «Sohn der Witwe», der Isis, die da trauerte um ihren verlorenen Gemahl Osiris. Da er aber unvorbereitet war, da er hier auf dem physischen Plan selber das Bild der Isis enthüllen und die himmlischen Geheimnisse schauen wollte, so verfiel er dem Tode. Kein Sterblicher konnte zu der (damaligen) Zeit den Schleier der Isis lüften. In dem Jüngling zu Sais symbolisiert sich die ohnmächtige Weisheit der ägyptischen Zeit. Er wird wiedergeboren, er wächst heran als der Jüngling zu Nain, er ist wiederum ein «Sohn der Witwe», wiederum stirbt er im Jünglingsalter. [1]
Diese Individualität, die in dem Leibe des Jünglings zu Nain enthalten ist, sollte eine Initiation ganz besonderer Art erfahren. Es gibt verschiedene Arten von Initiation oder Einweihung. Die eine Art besteht darin, daß der Betreffende, der eingeweiht worden ist, unmittelbar nach dem Einweihungsvorgange in sich aufleuchten sieht die Erkenntnisse der höheren Welten, daß er hineinschauen kann in die Vorgänge und Gesetze der geistigen Welten. Eine andere Art der Initiation kann aber so stattfinden, daß zunächst in die betreffende Person nur der Keim hineinversenkt wird, so daß sie dann noch eine Inkarnation abzuwarten hat; dann tritt dieser Keim heraus, und es wird dann in der späteren Inkarnation der Betreffende ein Initiierter im ausdrücklichen Sinne. Eine solche Initiation wurde mit dem Jüngling zu Nain vollzogen. Damals wurde seine Seele bei dem Ereignis von Palästina umgewandelt; da hatte sie noch nicht das Bewußtsein, hinaufgestiegen zu sein in die höheren Welten. Erst in der nächsten Inkarnation keimten die Kräfte heraus, die damals in diese Seele gelegt waren. [2]
Und der Christus Jesus naht sich, als der Tote aus dem Stadttor getragen wird. Und «viel Volk aus der Stadt» war mit seiner Mutter; es ist die Schar der ägyptischen Eingeweihten. Sie alle sind Tote, die einen Toten begraben. «Und da sie der Herr sah, jammerte ihn derselbigen». Es jammerte ihn der Mutter, die dasteht gleichsam als Isis, welche war die Schwester und Gemahlin des Osiris. Und er sprach: «Jüngling, ich sage dir, stehe auf!» «Und der Tote richtete sich auf und fing an zu reden, und er gab ihn seiner Mutter.» – Sie ist ja auf die Erde herabgestiegen, die frühere Isis; ihre Kräfte können jetzt auf der Erde selbst erlebt werden. Der Sohn wird der Mutter wieder geschenkt, es ist nun an ihm, sich völlig mit ihr zu verbinden. «Und die Umstehenden priesen Gott und sprachen: Es ist ein großer Prophet unter uns aufgestanden». Denn in dem Jüngling zu Nain hatte der Christus Jesus durch die Art der Initiation, welche diese Auferstehung darstellt, einen Keim gesenkt, der erst in seiner nächsten Inkarnation zur Blüte kommen konnte.
Ein großer Prophet, ein gewaltiger Religionslehrer ist aus dem Jüngling zu Nain geworden! Im dritten nachchristlichen Jahrhundert trat zunächst in Babylonien auf Mani oder Manes, der Begründer des Manichäismus. In seiner Lehre war alles zusammengefaßt, was die alten Religionen an Weisheit enthalten hatten, und er beleuchtete es mit einer christlichen Gnosis, die möglich machte, daß die Bekenner der babylonisch-ägyptischen Sternenweisheit, die Anhänger der alten Perser-Religion, ja sogar die Buddhisten aus Indien, sich durchdringen konnten mit einem Verständnis des Christus-Impulses in dieser Form. [3]
So hat der Christus dafür gesorgt, daß auch später eine Individualität erscheinen konnte, die das Christentum weiterbrachte. Und diese Individualität, die in dem Jüngling zu Nain auferweckt wurde, ist dazu berufen, später immer mehr und mehr das Christentum mit den Lehren von Reinkarnation und Karma zu durchdringen, jene Lehren mit dem Christentum zu verbinden, welche damals, als der Christus selber auf der Erde wandelte, noch nicht ausdrücklich als Weisheitslehren verkündet werden konnten, weil sie damals erst gefühlsmäßig in die Menschen hineinversenkt werden mußten. [4]
Vorbereitend gewirkt hat diese Seele, die vorher in dem Jüngling zu Nain lebte und die eingeweiht wurde von dem Christus in dieser Weise für spätere Zeiten, wo das, was im Manichäismus enthalten war, und was durchaus nicht zur vollen Entwickelung gekommen ist, aufgehen wird zum Heile der Völker des alten Orients, – vorbereitend hat diese Seele in ihrer Inkarnation als Mani gewirkt für ihre eigentliche spätere Mission: den wahren Zusammenklang aller Religionen zu bringen.
Damit sie dies tun kann, mußte sie wiedergeboren werden als diejenige Seele, die zu dem Christus-Impuls in einem ganz besonderen Verhältnis steht. Untertauchen mußte gleichsam noch einmal alles, was in jener Inkarnation als Mani an altem und neuem Wissen aus dieser Seele heraufgekommen war. Als der «reine Tor» mußte er dem äußeren Wissen der Welt und dem Wirken des Christus-Impulses in seinen Seelenuntergründen gegenüberstehen. Er wird wiedergeboren als Parzival, der Sohn der Herzeloyde, der von ihrem Gatten verlassenen tragischen Gestalt. Als Sohn dieser Witwe verläßt er nun auch die Mutter. So bereitet er sich in seinem Leben als Parzival dazu vor, später ein neuer Lehrer des Christentums zu werden, dessen Aufgabe es sein wird, das Christentum immer mehr und mehr zu durchdringen mit den Lehren von Karma und Reinkarnation, wenn die Zeit dazu reif sein wird. [5]
| [1] | GA 264, Seite 228 | (Ausgabe 1984, 476 Seiten) |
| [2] | GA 114, Seite 206 | (Ausgabe 1955, 225 Seiten) |
| [3] | GA 264, Seite 228f | (Ausgabe 1984, 476 Seiten) |
| [4] | GA 114, Seite 206f | (Ausgabe 1955, 225 Seiten) |
| [5] | GA 264, Seite 230 | (Ausgabe 1984, 476 Seiten) |
| GA 114: | Das Lukas-Evangelium (1909) |
| GA 264: | Zur Geschichte und aus den Inhalten der ersten Abteilung der Esoterischen Schule 1904 bis 1914. Briefe, Rundbriefe, Dokumente und Vorträge (1904-1914) |