Luzifer und Denken

Dasjenige, was die luziferischen Wesenheiten in die Erdentwickelung mitgebracht haben, in die sie sich hineinverflochten haben, das ist vor allen Dingen alles dasjenige, was die die menschliche Kultur durchsetzende Gedankenwelt, die intellektualistische Gedankenwelt, die im besten Sinne des Wortes vernünftige Welt, die Weisheitswelt, immer war. Gerade wenn man an den Menschheitsursprung zurückgeht, dann findet man, daß die Quellen für die heidnischen Weistümer immer in luziferischen Wesenheiten zu suchen sind. Der Mensch hätte eben kindlich bleiben müssen, wenn er nicht fortdauernd den aus den Mysterien heraus kommenden Unterricht von allerlei luziferischen Wesenheiten hätte bekommen können. Von anderer Seite her war in den alten Zeiten für den Menschheitsfortschritt die Weisheit nicht zu erlangen. So mußten die Eingeweihten der alten Zeiten sie aus den luziferischen Händen entgegennehmen, und sie mußten eben die Verpflichtung eingehen, nicht den anderen Aspirationen der luziferischen Wesenheiten zu verfallen. [1]

Sprechen und Denken sind ursprünglich durchaus luziferischer Natur, nur daß diese Künste gewissermaßen dem Luzifer entlistet worden sind von den Weisen der Urzeit. Wenn Sie Luzifer fliehen wollen, dann müssen Sie sich entschließen, in der Zukunft stumm zu sein und nicht zu denken. Sie können heute noch Ihrem Denken das luziferische Element anmerken. Über die Sprachen, die ja seit langem differenziert der Erde angepaßt sind, ist Ahriman bereits hergefallen, der die Differenzierung bewirkt hat, der die einheitliche Sprache in die differenzierte Erdensprache heruntergebildet hat. Goethe gehört zu denjenigen Menschen, die am wenigsten luziferisch dachten. Das aber macht notwendig, sich möglichst ans konkrete Einzelne zu halten. In dem Augenblick, wo man generalisiert, wo man vereinheitlicht, naht man sich schon dem luziferischen Denken. [2]

Daß dies so ist mit unserem Denken, unserem Intellekte, mit unserem Vorstellen, das hängt zusammen mit der einstigen Trennung des Mondes von der fortschreitenden Sonne. Wie wir als Menschen dieses unser Denken und dieses unser Vorstellen auffassen, das hängt zusammen damit, daß gewisse luziferische Wesenheiten aus der Hierarchie der Angeloi, die nicht mitgemacht haben das Sich-wieder-Verbinden des Mondes mit der Sonne, durch das, was sie geworden sind, eben in unserem Intellekt leben, so daß etwas Luziferisches in unserem Intellekte lebt und uns abschließt von dem Hinschauen auf das innerlich Bewegliche und Formende. Also, es haust gewissermaßen Luzifer in unserem Denken. Das Wesentliche dieses Luziferischen ist, daß wir dasjenige, was von den regulär fortschreitenden göttlich-geistigen Wesenheiten in uns veranlagt ist und entwickelt wird, nicht wahrnehmen, sondern wahrnehmen das, was Luzifer gewissermaßen aus dieser normalen Entwickelung macht. Was wollen diese luziferischen Angeloi, die in unserem Intellekt sind? Dazumal wollten sie nicht den Schritt mitmachen der Vereinigung des Mondes mit der Sonne. Hätten sie dazumal den Schritt mitgemacht, dann hätten sie gewissermaßen in richtiger Weise das Vorstellen und Denken mit der menschlichen Natur verbunden. Sie haben das nicht getan, und so tragen sie jetzt nichts dazu bei. Jetzt aber während des Erdendaseins, wollen sie das machen, was sie dazumal nicht gemacht haben, was sie eigentlich während der Mondenentwickelung hätten machen sollen. Würden wir nämlich nicht in der angedeuteten Weise von luziferischen Wesenheiten verführt werden, so würden wir das Denken nicht so auf uns beziehen, wie wir es jetzt tun, sondern wir würden zurückschauen auf die Mondenentwickelung und würden sagen: Vor urfernen Zeiten wollte sich unser Denken mit unserem Inneren verbinden, wollte uns gehören. – So sagen wir aber dies nicht, sondern wir sagen: Wir eignen uns die Gedanken der Welt an und nehmen sie jetzt in uns auf. – Dies aber ist richtige luziferische Verführung. Im Sinne der fortschreitenden göttlich-geistigen Wesenheiten würden wir denken: Da draußen breitet sich die Sinnenwelt aus, so wie wir sie sehen. In dem Augenblicke (aber), wo wir nun zum Denken übergehen, blicken wir zurück zum alten Mondendasein und führen die ganze irdische Sinnenwelt zurück auf das alte Mondendasein. Es würde uns aufleuchten etwas wie ein Zusammenhang mit einem scheinbar vergangenen Stern, der aber noch da wäre und in unserer Gedankenwelt lebte. Wir würden uns im Zusammenhang fühlen mit der gegenwärtigen Vergangenheit und würden durchschauen das luziferische Trugbild, das darinnen besteht, daß Luzifer uns vor das leuchtende Mondendasein einen Teppich, einen Schleier vorhält, weil er dazumal es unterlassen hat, sich mit dem Sonnendasein zu vereinigen. Und er gaukelt uns vor, daß wir alles dasjenige, was wir erblicken sollten als in uns hereinleuchtend vom alten Mondendasein – das heißt, vom ewig neuen Mondendasein – so aufnehmen, wie unseren Gedankeninhalt, der sich jetzt durch unser Gehirn in uns festsetzt und in uns ruht als Erdenmenschen. Also wir sind abgeschlossen worden von jener wunderbaren, gewaltigen Erinnerung an das alte Mondendasein durch das, was geschehen ist. Wir erblicken nicht stets im Hintergrunde, ich möchte sagen, wie in unseren Nacken hineinscheinend, die Erklärung für alles dasjenige, was uns die Sinne vorzaubern. Wir würden durch die Welt gehen, unsere Sinne hinausgerichtet auf das sinnliche Dasein, und würden erfühlen, wie unseren Nacken und unser Hinterhaupt bescheinend, das alte, immer neue Mondendasein, das die Erklärung böte der realen lebendigen Begriffe, die kosmisch sind und nicht von den äußeren Erdendingen in uns hineinwirken. [3]

Durcheinandergeworfen sind also zwei Weltbilder: das Erdenbild und das Mondenbild. Wir würden sie auseinanderhalten können: das eine, indem wir unsere Sinne nach vorn richten, das andere, indem wir das Scheinen von hinten empfangen, und wir müßten verhindern, daß sich dies ineinanderwebt in unserer Erkenntnis. Wir können das nicht; Luzifer wirft sie durcheinander. [4]

Im Grunde genommen ist unser gesamtes Tageswissen beeinflußt von der Tatsache der luziferischen Verführung, es ist die Erfüllung davon, daß wir genossen haben von dem Baume der Erkenntnis des Guten und des Bösen. Unser nächtliches, schlafendes Nichtwissen, unsere über das Bewußtsein sich ausbreitende Finsternis des Schlafes ist einfach die Wirkung des Nicht-Essendürfens von dem Baume des Lebens. Wir verbringen dieses Leben nämlich – es ist dies eine Tatsache, die einen erschüttern kann – vom Einschlafen bis zum Aufwachen in den Armen Luzifers, möchte ich sagen. In demselben Momente, da der Mensch damit bestraft worden ist, nicht essen zu dürfen von dem Baume des Lebens, wurde Luzifer dazu verurteilt, fortwährend von diesem Baume zu essen. Unser Leben und Weben in dem feinen ätherischen Elemente ist etwas, dessen sich Luzifer bemächtigt, so kommt das zustande, daß etwas nicht geschieht, was eigentlich durch die Jahve-Gottheiten dem Menschen vorbestimmt war, (nämlich) beim Aufwachen hereinzubekommen in den Ätherleib und in den physischen Leib dasjenige, was da webt und lebt im Schlafe. [5]

Aber jetzt kommt beim Aufwachen dasjenige, was man durchschauen muß, wenn man die notwendige Lebensentwickelung, die heute durch die geisteswissen-schaftliche Weltanschauung kommen soll, verstehen will: Was da verwoben wird, was da eigentlich nachgefühlt wird, wenn man in besonders günstigen Momenten dieses Leben und Weben heute wie einen Nachklang hereinbekommt in das Bewußtsein, was da gewoben wird, das sollte beim Aufwachen in unseren physischen und unseren ätherischen Leib hereinkommen. Denn was da webt, ist unser astralischer Leib. Der lebt und webt im wogenden Weltenmeere; und das, was er sich da erwebt, was er da erlebt und erfährt, das sollte hereinkommen sowohl in unseren ätherischen Leib, wie auch in unseren physischen Leib. In Wirklichkeit tritt es nur in den ätherischen Leib ein. Nicht weil es zurückgehalten wird, sondern weil durch einen geheimnisvollen Pakt zwischen Luzifer und Ahriman, der eben eingetreten ist infolge der in luziferische und ahrimanische Entwickelung hineinverflochtenen Erdentwickelung –, weil Luzifer im Momente des Aufwachens dem Ahriman übergibt das, was eigentlich in den physischen Leib hinein sollte. [6] Ahriman erlebt in unserem physischen Leibe Luzifers Erlebnisse während unseres Schlafes. Das ist mit anderen Worten die Ursache davon, daß wir nicht selber hereinbringen können unsere nächtlichen Erlebnisse in unser Tagesbewußtsein. Nur während sie da ihren Handel miteinander abschließen, kommt uns in dem gewöhnlichen Traum manches zum Bewußtsein, während es so hinübergeht aus den Händen Luzifers in die Hände Ahrimans. Es tritt (nun) auch diese Tatsache ein, daß wir vom Aufwachen bis zum Einschlafen Wissen erwerben; aber in dem Augenblicke, wo wir einschlafen, hört dieses Wissen auf, für uns bewußt zu sein; das heißt es geht aus unserem Ich heraus. Wir durchmessen mit unserem Bewußtsein Ahrimans Reich vom Aufwachen bis zum Einschlafen. Luzifer – wir müssen das immer trennen – hat das bewirkt; aber es ist nicht das Reich des Luzifer, in dem wir da weben und leben vom Aufwachen bis zum Einschlafen, sondern es ist das Reich des Ahriman, weil Ahriman ja in unserem physischen Leibe ist. Der hilft uns fortwährend, wenn wir uns Wissen durch den physischen Leib erwerben wollen. Beim Einschlafen ist es so, daß Ahriman reichlich vergilt die Gabe, die ihm Luzifer beim Aufwachen gegeben hat. Ahriman übergibt dem Luzifer beim Einschlafen dasjenige, was er den ganzen Tag mit uns erlebt hat. In unserem physischen Leibe genießt Ahriman während des Tages, in unserem Ich genießt Luzifer während der Nacht. [7]

Die Tatsache, daß Luzifer unser Ich in Anspruch nimmt, hindert uns, dasjenige, was wir als Wissen während des Tages erfahren, was wir uns ausdenken über die Welt, was wir urteilen, unterscheiden, verbinden in der Welt, auch während der Nacht zu durchleben. Wir würden es wirklich durchleben, wenn wir es durch die Nacht hindurch fortsetzen könnten. Nach der ursprünglichen Absicht der Jahve-Gottheiten war es so, daß wir unser Wissen während des Tages sammeln und es während der Nacht durchleben, durcharbeiten sollten. Wir würden eine Wissenschaft haben, die wirklich eine lebendige Wissenschaft wäre, wo jeder Begriff, den wir erfahren, in uns lebendig wäre, wo wir auch wüßten, daß Begriffe, die wir erfahren während des Tages, Schatten sind von Lebewesen. In der Nacht würden alle Begriffe aufwachen, um zu leben, und wir würden erkennen, daß alles das elementarische Lebewesen wären. Jede Nacht saugt Luzifer das Leben der Wissenschaft für sich heraus, und uns bleiben nur die abstrakten Begriffe, die toten Begriffe, die uns durch die Wissenschaft gegeben sind. [8] Was würde geschehen, wenn wir nicht der Tatsache unterlägen, daß beim Aufwachen Ahriman in Anspruch nimmt dasjenige, was nächtliches Erleben in uns ist? Wir würden hineinbekommen in unser Tagesbewußtsein den ganzen Zusammenhang mit den Nachterlebnissen. Wir würden, mit anderen Worten, die ganze geistige Welt in unser Tagesbewußtsein hineinbekommen, und es würde sich hineinmischen in das, was wir als Tagesbewußtsein haben, dasjenige, was das nächtliche Durchleben darstellt. Statt daß das Wissen in den physischen Leib hineingeht, und es sich auf Schritt und Tritt zeigen würde, bleibt es in der Allgemeinheit stecken. Und wir fühlen es so in uns, daß wir uns sagen können: Das Geistige ist da, es lebt und webt in der Welt, aber es konkretisiert sich uns nicht. Es kann das, was wir so vom Geistigen erleben, vor allem nicht Wissen werden. Wissen würde es für uns, wenn es hereinkäme in den physischen Leib. Es bleibt Glaube, weil es bloß im Ätherleibe erlebt wird. So sehen Sie, ist Glaube, im Ätherleib steckengebliebenes Wissen. [9]

Konkrete Gedanken waren es noch bei den Scholastikern, die den Offenbarungsinhalt erfaßten. Die Dogmen wurden (allerdings) allmählich so wenig durchdacht, daß die Menschen dazu kamen, sie überhaupt im allgemeinen fallen zu lassen. Man soll ja Unverstandenes fallen lassen, das ist auf der einen Seite voll berechtigt, und wenn die Menschen nicht mehr die Dogmen bis zum Schauen verfolgen können, so ist es selbstverständlich, daß sie sie fallenlassen. Wozu kommen sie aber dann? Dann kommen sie zu den allerabstraktesten Gedanken einer Abhängigkeit von irgendeinem ganz unbestimmten Ewigen oder Unendlichen. Dann werden nicht mehr Gedanken plastisch ausgebildet, die den Offenbarungsinhalt in sich tragen, sondern dann wird nur irgendeine Abhängigkeit von irgendeinem Unendlichen dunkel mystisch gefühlt. Dieser Weg ist in der neueren Zeit auch gemacht worden. Er ist der, der zum Luziferischen hinführt. Und ebenso sicher, wie der Weg der Vernunfterkenntnis in der neueren Zeit zum Ahrimanischen geführt hat, ebenso sicher kann der andere Weg ins Luziferische hineinführen. [10]

Zitate:

[1]  GA 191, Seite 268f   (Ausgabe 1983, 296 Seiten)
[2]  GA 191, Seite 270f   (Ausgabe 1983, 296 Seiten)
[3]  GA 162, Seite 217ff   (Ausgabe 1985, 292 Seiten)
[4]  GA 162, Seite 219f   (Ausgabe 1985, 292 Seiten)
[5]  GA 162, Seite 175f   (Ausgabe 1985, 292 Seiten)
[6]  GA 162, Seite 177ff   (Ausgabe 1985, 292 Seiten)
[7]  GA 162, Seite 180ff   (Ausgabe 1985, 292 Seiten)
[8]  GA 162, Seite 183   (Ausgabe 1985, 292 Seiten)
[9]  GA 162, Seite 184ff   (Ausgabe 1985, 292 Seiten)
[10]  GA 213, Seite 188   (Ausgabe 1969, 251 Seiten)

Quellen:

GA 162:  Kunst- und Lebensfragen im Lichte der Geisteswissenschaft (1915)
GA 191:  Soziales Verständnis aus geisteswissenschaftlicher Erkenntnis (1919)
GA 213:  Menschenfragen und Weltenantworten (1922)