Christus-Erscheinungen

Die Christus-Individualität war nur drei Jahre auf Erden, in dem Körper des Jesus von Nazareth, und kommt nicht wieder in einem physischen Leibe; nur in der fünften Kulturepoche im Ätherleibe, in der sechsten Kulturepoche im Astralleibe, und wieder weiter, in der siebenten Kulturperiode, in einem großen kosmischen Ich, das gleich einer großen Gruppenseele der Menschheit ist. Und wie beim einzelnen Menschen das menschliche Ich der Mittelpunkt ist seiner weiteren Entwickelung, so ist nachher für die ganze Menschheit das Christus-Ich, das in ihre astralischen und Ätherleiber gesenkte Ich, dasjenige, was weitergeht, um in der folgenden planetarischen Entwickelung das Jupiterdasein zu beseelen. [1]

In den alten Mysterien war die gesamte Menschheitsentwickelung noch nicht so weit, daß sozusagen die Initiation – sei sie nun hinaus in den Makrokosmos, sei sie hinein in den Menschen selbst, in den Mikrokosmos gerichtet – so ausgeführt werden konnte, daß man den Menschen ganz sich selbst überließ. Wenn zum Beispiel eine ägyptische Initiation ausgeführt wurde, und der Mensch hineingeleitet wurde in die Kräfte, seines physischen Leibes und Ätherleibes, so daß er vollbewußt die Ereignisse seines physischen Leibes und Ätherleibes erlebte, dann sprühten gleichsam von allen Seiten heraus aus seiner astralischen Natur die furchtbarsten Leidenschaften und Emotionen; dämonische, diabolische Welten kamen aus ihm heraus. Deshalb brauchte in den ägyptischen Mysterien derjenige, der als Hierophant arbeitete, Gehilfen, die in Empfang nahmen, was da herauskam, und es durch ihre eigene Natur hindurch ableiteten. Daher die zwölf Gehilfen des Initiators. In ähnlicher Weise war es in den nordischen Mysterien, wo die Wirkung beim Hinausrücken in den Makrokosmos dadurch geschehen konnte, daß wiederum zwölf Diener des Initiators da waren, die ihre Kräfte an den zu Initiierenden abgaben, damit er die Fähigkeit hatte, wirklich jene Denk- und Empfindungsweise zu entwickeln, die notwendig war, um durch das Labyrinth des Makrokosmos hindurchzukommen. Eine solche Initiation, wo der Mensch ganz unfrei ist, sollte allmählich weichen einer anderen Initiation, wo der Mensch mit sich selbst fertig werden kann, und wo derjenige, der die Initiation bewirkt und ihm die Mittel gibt, nur sagt: Dies und das ist zu tun, – und wo der Mensch dann nach und nach sich selbst weiter zurechtzufinden kann. Auf dieser Bahn ist der Mensch heute noch nicht sehr weit. Aber es wird sich nach und nach als eine selbständige Fähigkeit in der Menschheit ausbilden, daß der Mensch ohne Hilfe sowohl aufsteigen kann in den Makrokosmos, wie auch hinuntersteigen in den Mikrokosmos und durchmachen kann als freies Wesen die beiden Seiten der Initiation. Damit dies geschehen kann, dazu war das Christus-Ereignis da. Und das ist eigentlich im Grunde das Christus-Ereignis, daß dieses umfassende Wesen des Christus es gleichsam der Menschheit «vormachte», was nun im Verlaufe der Reife der Erdentwickelung wenigstens eine genügend große Anzahl von Menschen erreichen kann. [2]

Zitate:

[1]  GA 130, Seite 52   (Ausgabe 1962, 354 Seiten)
[2]  GA 123, Seite 139f   (Ausgabe 1959, 264 Seiten)

Quellen:

GA 123:  Das Matthäus-Evangelium (1910)
GA 130:  Das esoterische Christentum und die geistige Führung der Menschheit (1911/1912)