Präexistenz der Seele

Nichts galt für die Kirche so sehr als Ketzerei als der Gedanke der Präexistenz der Seele, und bekanntlich ist der alte Kirchenvater Origenes vor allem deshalb ein so schlecht angesehener Kirchenvater, weil er noch die Präexistenz der Seele kannte. [1] Diese Präexistenz, die bis zu Origenes auch nicht angezweifelt worden ist von der christlichen Lehre des Abendlandes, ist durch die staatliche Verfügung des Justinian, der mitgewirkt hat an der Verketzerung des Origenes, aus der Christenlehre des Abendlandes verschwunden. Man kann sagen, was im Menschen vorgeburtlich, was präexistent war, das gerät durch den Durchgang durch die Geburt in einen völlig unbewußten Zustand. Das kann erst wiederum angeschaut werden, wenn man sich zur Imagination und zur Inspiration herauf erhebt. Aber am anderen Pol des Menschen erscheint es in seiner Willens- und emotionellen Natur. Dadurch, daß das Vorstellungsleben abgedämpft ist, heruntergedämpft ist bis zum gegenständlichen Anschauen, dadurch ist zunächst für dieses gegenständliche Vorstellen im Erkennen verschlossen die Präexistenz. Aber was mit ihr gegeben ist, lebt in der Sphäre des Menschen, die am anderen Pol auftritt. Da tritt auf die Willensnatur, die Emotionsnatur. Aus dieser kann zunächst nicht eine Erkenntnis gewonnen werden, daher ein bloßer Glaube. [2] Am Beginne des Alten Testamentes steht: Und der Gott blies dem Menschen den Odem ein als lebendige Seele –, er hatte durch dieses Einatmen des Seelischen eine Möglichkeit: er bekam ein Bewußtsein von der Präexistenz des Seelischen, von dem Bestehen der Seele, bevor sie heruntergestiegen ist in den physischen Leib durch die Geburt. Und in demselben Maße, in dem der Atmungsprozeß aufhörte beseelt zu sein, verlor der Mensch das Bewußtsein der Präexistenz des Seelischen. [3]

Im Grunde genommen hat jeder Mensch die Möglichkeit (von der Präexistenz zu wissen), wenn man die Sinneswahrnehmungen wirklich ausschalten kann und das Denken noch lebhaft bleibt, dann sieht man nicht hinein in die Raumeswelt, sondern zurück in die Zeit, die man zuletzt verlebt hat zwischen dem letzten Tod und dieser Geburt. Man sieht sie zunächst sehr undeutlich, aber man weiß: die Welt, in die man hineinschaut, das ist die Welt zwischen dem Tod und dieser letzten Geburt. Die Wahrheit, eine wahre Überschau von dem zu bekommen, das hängt nur davon ab, daß man nicht einschläft, wenn man die Sinneswahrnehmungen unterdrückt, daß das Denken so lebhaft bleibt, wie es mit Hilfe der Sinneswahrnehmungen oder im Besitze der Sinneswahrnehmungen ist. Wenn man aber in dieser Weise also durch sich hindurchsieht nach seinem präexistenten Leben und dann natürlich weiter sich schult, dann treten die konkreten Konfigurationen auch in dieser geistigen Welt auf, dann ersteht vor uns eine geistige Umwelt. Dann tritt das Entgegengesetzte (wie bei der Halluzination) ein. Wir pressen nicht aus unserem Leibe seine Halluzinationen heraus, aber wir holen uns aus unserem Leibe heraus und versetzen uns in unser präexistentes Leben, füllen uns dort mit geistiger Wirklichkeit an. In die Welt, die in Halluzinationen flutet, in die tauchen wir unter, und indem wir ihre Realitäten wahrnehmen, nehmen wir nun nicht Halluzinationen wahr, sondern Imaginationen. Wenn der Leib als Leib vorstellt, stellt er Halluzinationen vor, beziehungsweise er bringt Halluzinationen in das Bewußtsein herein. Wenn der Geist als Geist vorstellt, hat er Imaginationen. Wenn nun die Seele, die die Vermittlerin ist zwischen beiden, ihrerseits ins Vorstellen kommt, wenn also die Seele als Seele vorstellt, dann entstehen weder die unberechtigten, dem Leibe abgepreßten Halluzinationen, noch dringt sie vor zu den geistigen Realitäten, aber sie hat das unkonturierte Zwischenfeld: das sind die Phantasien. [4] (Siehe auch: Dasein vorirdisches).

Zitate:

[1]  GA 181, Seite 194   (Ausgabe 1967, 480 Seiten)
[2]  GA 76, Seite 172f   (Ausgabe 1977, 264 Seiten)
[3]  GA 194, Seite 111   (Ausgabe 1983, 254 Seiten)
[4]  GA 205, Seite 94f   (Ausgabe 1967, 247 Seiten)

Quellen:

GA 76:  Die befruchtende Wirkung der Anthroposophie auf die Fachwissenschaften (1921)
GA 181:  Erdensterben und Weltenleben. Anthroposophische Lebensgaben. Bewußtseins-Notwendigkeiten für Gegenwart und Zukunft (1918)
GA 194:  Die Sendung Michaels. Die Offenbarung der eigentlichen Geheimnisse des Menschenwesens (1919)
GA 205:  Menschenwerden, Weltenseele und Weltengeist – Erster Teil:. Der Mensch als leiblich-seelische Wesenheit in seinem Verhältnis zur Welt (1921)